Geschichte der Urkundenlehre

Die Geschichte der modernen wissenschaftlichen Urkundenlehre beginnt nach dem Dreißigjährigen Krieg: der Westfälische Friede hatte ein Normaljahr für die Besitzungen der Fürsten, Klöster und Städte festgesetzt, wobei der Besitzstand in diesem Jahr ggf. durch gerichtliche Auseinandersetzungen geklärt werden mußte. In diesen Prozessen wurde zum Beweis Urkunden vorgelegt – und von der Gegenpartei regelmäßig als Fälschung abgelehnt. Auf den Krieg mit den Waffen folgten also die "Urkundenkriege" (bella diplomatica).
Das erste bellum diplomaticum drehte sich um die Reichsunmittelbarkeit des Klosters St. Maximin bei Trier; das berühmteste ist das bellum diplomaticum Lindaviense (1641/1672/1700) um die (tatsächlich falsche) Urkunde eines Kaisers Ludwig für das Lindauer Damenstift.

In den eingeholten Gutachten über diese Urkunden mußten Kriterien für ihre Echtheit entwickelt werden, wodurch im Laufe der Zeit die Grundsätze für die Bewertung äußerer und innerer Merkmale erarbeitet wurden.

Die wichtigste Station ist der Streit zwischen dem Jesuiten Daniel Papebroch, der 1675 alle Merowinger-Diplome der französischen Benediktinerklöster für gefälscht erklärte (zu Unrecht); die gelungene Widerlegung durch den Benediktinermönch Jean Mabillon 1681 trägt in ihrem Titel De re diplomatica erstmals die Bezeichnung des Faches.

Nach der Säkularisation wurde die Erforschung der Urkunden durch die bedeutenden Forschungseinrichtungen (MGH, École des Chartes, Institut für Österreichische Geschichtsforschung etc.) sowie durch die Universitäten und die wissenschaftlichen Archivare weiter vorangetrieben. Sie ist bis heute nicht abgeschlossen.


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