Lese- und Schreibunterricht

Lesen und Schreiben lernte man in den mittelalterlichen Klosterschulen – in spätantiker Tradition – auf folgende, für uns heute recht befremdlich anmutende Weise:
  1. Auswendiglernen eines gewissen Quantums lateinischer Texte wie etwa der Standardgebete, der Generationenlisten in der Genesis oder des Psalters (ohne sie inhaltlich zu verstehen);
  2. anhand dieser Texte lernte man das Lesen;
  3. erst wesentlich später folgte das Schreibenlernen, und zwar zunächst auf der Wachstafel und erst in fortgeschrittenem Stadium auf Pergament.

Die Praxis, dem Unterricht unverstandene Texte zugrundezulegen, mag manchen sonst unbegreiflichen Abschreibfehler in den Codices erklären.

Ob beim Schreibenlernen die Buchstaben in alphabetischer Reihenfolge eingeführt wurden oder so, daß sich bald sinnvolle Wörter bilden ließen, ist unklar. Für letzteres spricht, daß Übungsverse überliefert sind, die mit einer begrenzten Buchstabenzahl auskommen, etwa

Omnis homo primum bonum uinum ponit.
(nur: b h i m n o p r s t u)

Die Zahl der benötigten Buchstaben schreitet progressiv fort, bis schließlich Verse erreicht sind, die das gesamte Alphabet enthalten:

Ferunt Ophir conuexa kymba per liquida gazas.


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