Geheimschriften im Mittelalter

 

Geheimschriften waren im Mittelalter gar nicht einmal so selten, nach Ansicht Bernhard Bischoffs jedoch "gelten [sie] zu Recht [...] als primitiv".
Aus diesem Grund stehen mittelalterliche Geheimschriften nicht gerade hoch im Kurs und so wurde in der Forschung in den letzten fünfzig Jahren nichts wesentlich Neues veröffentlicht.
Sowohl methodisch als auch überlieferungsgeschichtlich lassen sich mittelalterliche Geheimschriften in diplomatische und nichtdiplomatische Geheimschriften unterscheidenI Nichtdiplomatische Geheimschriften
Nichtdiplomatische Geheimschriften hatten den Zweck Namensunterschriften zu verbergen, Schreibvermerke zu verschlüsseln oder anstößige Wörter zu umschreiben. Verwandt wurden sie vor allem in Urkunden, Handschriften (um Schreibername, Randnoten oder Glossen zu verbergen) oder in den Geheimwissenschaften, also in Alchimie und Astrologie, aber auch in der Medizin und Chemie.
Man wollte mit der Verwendung von Geheimschriften vor allem seine geistige Überlegenheit zum Ausdruck bringen und nicht ein Lesen der Texte durch Dritte verhindern. Auch spiegelt sich darin eine allgemeine Faszination an exotischen Schriften wieder.

I Nichtdiplomatische Geheimschriften

Nichtdiplomatische Geheimschriften hatten den Zweck Namensunterschriften zu verbergen, Schreibvermerke zu verschlüsseln oder anstößige Wörter zu umschreiben. Verwandt wurden sie vor allem in Urkunden, Handschriften (um Schreibername, Randnoten oder Glossen zu verbergen) oder in den Geheimwissenschaften, also in Alchimie und Astrologie, aber auch in der Medizin und Chemie.
Man wollte mit der Verwendung von Geheimschriften vor allem seine geistige Überlegenheit zum Ausdruck bringen und nicht ein Lesen der Texte durch Dritte verhindern. Auch spiegelt sich darin eine allgemeine Faszination an exotischen Schriften wieder.


Methoden

1) Verwendung normaler Schrift

a) Schreiben in senkrechten Zeilen

I B R P S O A V
L E R I T L R M

(Lösung: LIBER EPISTOLARUM)

b) Umkehrungen

"muroedui sireneg ... ippisoi iualf ticilpxe."

(Lösung: "explicit flaui iosippi ... generis iudeorum")

c) Spiegelschrift



(Lösung: "Altman sanctorum servus factus..."

d) Erweiterungen, meist Konsonant plus dem Vokal der Vorsilbe



(Lösung: "Assit in principio sancta maria")

Diese auch "Räuber-" oder "Erbsensprache" genannte Verschlüsselungsmethode erfreut sich gerade bei Kindern bis heute größter Beliebtheit.

e) Buchstabenvertauschung

Gerade bei dieser Verschlüsselungstechnik gibt es unzählige Möglichkeiten.
Ein bekanntes Beispiel ist die Geheimschrift Kaiser Friedrichs III. (1415-1493)



Bei dieser Geheimschrift werden u.a. die Buchstaben a und e, i und o, b und
c paarweise vertauscht.



Am Ende verkündet Friedrich III. stolz: "hab ich selbs gedacht".



2) Verwendung fremder Alphabete
a) nichtlateinische Alphabete (v.a. griechische und hebräische Buchstaben)



Auszug aus einer Handschrift, vermutlich aus dem Maingebiet des 9. Jahrhunderts mit den griechischen Buchstaben ?, ?, T, ?, ?, ? und den hebräischen? und

b) willkürliche Zeichenalphabete
Diese Art der Verschlüsselung gab es überwiegend entweder mit veränderten lateinischen Buchstaben oder mit frei erdachten Zeichen, wie z.B. die "Scriptura ignota" der Hildegard von Bingen.



Ein weiteres interessantes Beispiel ist die Geheimschrift Rudolfs IV., 1339 bis 1365 Herzog von Österreich, die er angeblich nach einer "groß-indischen" Vorlage bearbeitet hat, in Wahrheit wohl aber selbst erfunden haben dürfte.




In einer 1428 aufgezeichneten Sammlung verschiedener Nationalalphabete taucht die Geheimschrift Rudolfs IV. als angebliches Alphabet der Chaldäer auf, weshalb diese Erfindung Rudolfs auch als Alphabetum Kaldeorum bezeichnet wird.




3) Zahlengeheimschriften

Bei Zahlengeheimschriften wurden entweder nur Vokale durch lateinische oder arabische Ziffern ersetzt oder alle Buchstaben des gesamten Alphabetes, z.B. durch ihre Platzzahl wie bei unterem Beispiel.
4 9 5 / 7 5 8 5 9 13 5 / 14 1 3 8 18 9 3 8 20

4) Besondere Methoden

a) Kreuzalphabet

Bei dieser Methode werden die Buchstaben in ein Kreuz mit neun Feldern geschrieben.

Die Buchstaben werden dann nur anhand der sie umgebenden Striche dargestellt, so ist ?= C, ? = H usw. Um eine Doppelung der Zeichen zu vermeiden, wird für das zweite Kreuz jedem Zeichen ein Punkt hinzugefügt, für das dritte Kreuz jedem Zeichen zwei Punkte, so ist ?o = L und ?oo = U.
Diese Geheimschrift ist beispielsweise auf einem Kindergrab in Regensburg zu sehen.

Verschlüsselt ist der Name des Jungen "Johann Jakob Kelderer", dessen Vater vermutlich der Domherr Sebastian Kölderer war, der wegen unerlaubter Heirat sein Amt verlor. Daher auch die Verschlüsselung des Kindernamens.

a) Noten, z.B. Neumen



Neumen sind eine vom 9. bis zum 15. Jahrhundert verwendete Notenschrift, die Tonabfolgen ohne Zeilensystem anzeigt.





II Diplomatische Geheimschriften

Diplomatische Geheimschriften im Mittelalter haben die gleichen Aufgaben wie die der Neuzeit, nämlich das Geheimhalten von Vertragspartnern und natürlich von Nachrichten.
Entstanden sind sie erst gegen Ende des 13. und Anfang des 14. Jahrhunderts, also im schon ausgehenden Mittelalter. Ursprungsorte sind die norditalischen Städte, v.a. Mailand und die römische Kurie.

Methoden

1) Einzelzeichen
Hierbei werden Namen und Begriffe durch Buchstaben oder Zeichen ersetzt:
A = Rex B = ecclesia C = charissimus D = papa

2) Vokalsysteme
Bei dieser Verschlüsselungstechnik werden Vokale durch Konsonanten oder andere Zeichen wie z.B. Punkte ersetzt.
a e i o u
b f k p x
Ein Beispiel für diese Technik ist ein Brief, den König Robert I. von Neapel am 09. September 1332 an Papst Johannes XXII. schrieb und in dem er über einen am 13. Juli 1332 in Wien geschlossenen Vertrag zwischen Österreich, Ungarn und Böhmen berichtet.



Bei dieser Geheimschrift wurden hauptsächlich die Vokale a, e, i, o, u durch die Konsonanten b, d, p, g, q ersetzt. Da keine Sonderzeichen (s.u.) verwandt wurden, dürfte diese Geheimschrift nicht besonders effektiv gewesen sein.

3) Zeichen- und Zahlenalphabete
Diese funktionieren wie bei den oben dargestellten nichtdiplmatischen Geheimschriften.

Damit die Geheimschriften für den diplomatischen Schriftverkehr effektiv waren, durften sie nicht durch numerische Methoden dechiffriert werden können, also einer Entschlüsselung nach der Häufigkeit der einzelnen Zeichen bzw. Buchstaben.
Aus diesem Grunde enthielten diplomatische Geheimschriften oft Sonderzeichen wie Doubletten, also mehrere Zeichen für denselben Buchstaben. Weitere Möglichkeiten waren gemine (Zeichen für Doppelkonsonanten), breviores dictiones (Zeichen für häufige Konjunktionen, Relativpronomina, etc.) und nullen, also Zeichen ohne jegliche Bedeutung.

Natürlich wurde es somit auch wichtig, fremden diplomatischen Schriftverkehr entziffern zu können. Deshalb hat beispielsweise der Mailänder Kanzlist Francesco Tanchredino ab 1475 Listen über Verschlüsselungschiffren angelegt.



Literatur
- Bischoff, Bernhard: Übersicht über die nichtdilpomatischen Geheimschriften des Mittelalters, in: MIÖG, Bd. 62, 1954
- Dröscher, Ernst: Die Methoden der Geheimschriften unter Berücksichtigung ihrer geschichtlichen Entwicklung, Leipzig 1921
- Ladner, P.: Geheimschriften, in: LMA, Spalten 1172f.
- Meister, Aloys: Die Geheimschrift im Dienste der päpstlichen Kurie, Paderborn 1906
- Stix, F.: Geheimschriftenkunde als historische Hilfswissenschaft, in: MIÖG, 14. Ergänzungsband, 1939
- http://www.geschichte.uni-muenchen.de/ghw/geheimschriften