Prof. Frenz
Mittelalterliche Berechnungen des Termins
von Weltende und Weltgericht
Die begleitende
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M. D. u. H., die Beschäftigung mit der Zeit ist die große Leidenschaft der mittelalterlichen Gelehrten. Nach Maß, Zahl und Gewicht habe Gott die Welt geordnet, heißt es im Buch der Weisheit Kapitel 11 Vers 21 omnia mensura et numero et pondere disposuisti : eine Stelle, die bei jeder möglichen und unmöglichen Gelegenheit zitiert wird. Die übergeordnete Struktur, die den harmonischen Bau der Welt zusammenhält, ist aber die Zeit. Da Gott selbst also der Schöpfer der Zeit ist, reiht sich jeder, der die Zeit zu manipulieren versucht, unter die Gegner Gottes ein und demaskiert sich als Vorläufer des Antichristen. Schon von daher käme also kein mittelalterlicher Herrscher auf die Idee, die Jahreszählung zu verändern. Gottes Willen im Ablauf der Zeit zu ermitteln, ist dagegen ein frommes, ein Gott wohlgefälliges Werk.
Freilich gibt es dabei eine Grenze: die Frage nach dem Zeitpunkt des Weltendes ist nicht zulässig. Den Tag aber und die Stunde kennt niemand, nicht einmal die Engel im Himmel, nur der Vater", heißt es im Matthäusevangelium: de die autem illa et hora nemo scit, neque angeli caelorum, nisi pater solus. Die Antwort auf meine Titelfrage lautet also: Wir wissen es nicht", und nach moderner Bibelinterpretation müßte ich meinen Vortrag an dieser Stelle beenden.
Aber so leicht kommen Sie mir nicht davon. Und auch im Mittelalter hat man sich nicht mit dem Verbot des Evangeliums zufrieden gegeben. Die direkte Ermittlung des Weltuntergangstermins war zwar unzulässig, aber vielleicht ließ sich das Ziel auf indirektem Wege erreichen. Dafür standen im wesentlichen zwei Methoden zur Verfügung: Subtraktion und Parallelführung.
Die erste Methode beruht auf folgendem Gedanken: wir können zwar nicht wissen, wann die Welt untergeht, aber wir können ermitteln, wann sie geschaffen wurde. Wenn wir dann noch wissen, wie lange die Weltgeschichte insgesamt dauert, können wir durch einfache Subtraktion feststellen, wieviel Zeit bis zum Ende der Welt noch übrig ist. Natürlich ist das der Versuch, Gott übers Ohr zu hauen; wir werden sehen, ob sich Gott übers Ohr hauen läßt oder ob er sich als Spielverderber erweist.
Die zweite Methode ist diejenige des Abtes Joachim von Fiore. Sie beruht auf dem Gedanken, daß die Geschichte des Alten Testamentes und des Neuen Testamentes in der gleichen Weise abläuft. Die Geschichte des Alten Testamentes ist uns durch die Bibel vollständig überliefert; durch sorgfältige Parallelisierung der Ereignisse läßt sich also der Teil des Neuen Testamentes extrapolieren, der uns noch bevorsteht.
Damit sind die beiden Teile meines Vortrages benannt, für die ich jeweils etwa 20 Minuten Zeit aufwenden kann. Dazwischen schiebe ich noch zwei kleine Exkurse ein: den ersten über einen Autor, der uns glauben machen will, daß die bisher abgelaufene Zeit um etwa drei Jahrhunderte kürzer sei als unsere Berechnungen, und den zweiten über die Auffassungen außereuropäischer Kalenderexperten, die zu erstaunlich ähnlichen Ergebnissen kamen wie die mittelalterlichen Gelehrten, nämlich die Maya in Mittelamerika.
I. Das Subtraktionsmodell
Als erstes müssen wir die Gesamtlänge der Weltgeschichte feststellen. Sie beträgt, wie aus der Bibel problemlos hervorgeht, 6000 Jahre. Da die Weltgeschichte in der Schöpfungswoche vorgebildet ist, besteht sie, gemäß den sechs Schöpfungstagen, aus sechs Einheiten. Über die Länge dieser Einheiten belehrt uns Psalm 89 Vers 4: Denn vor deinen Augen sind 1000 Jahr wie der gestrige Tag, der vorüberging." Quoniam mille anni ante oculos tuos tamquam dies hesterna, quae praeteriit. Die Weltgeschichte dauert also 6 x 1000 = 6000 Jahre.
Diese Verwendung der Bibelstellen erscheint recht willkürlich. Ich darf deshalb eine kleine Erläuterung zur mittelalterlichen Technik der Bibelinterpretation einschieben. Die Methode geht auf eine Technik der jüdischen Antike zurück, deren sich, nach dem Bericht des Evangeliums, Christus selber gelegentlich bedient hat. Demnach hat der Text der Heiligen Schrift nicht nur die buchstäbliche Bedeutung, sondern zusätzlich mehrere geistige Sinnebenen. Gewöhnlich verwendet man drei zusätzliche Bedeutungen, nämlich eine heilsgeschichtliche, eine seelsorglich-moralische und eine apokalyptische. Berühmtestes Beispiel ist Melchisedech, der König von Salem zur Zeit Abrahams, der nach dem Bericht der Genesis ein Priester des höchsten Gottes war und diesem Brot und Wein opferte. Melchisedech ist heilsgeschichtlich interpretiert Christus beim letzten Abendmahl, seelsorglich der Papst, apokalyptisch Christus als ewiger Hoherpriester. Ähnlich ist Jerusalem im buchstäblichen Sinne die Stadt im heiligen Land, zugleich aber heilsgeschichtlich interpretiert die Kirche, seelsorglich die Seele des einzelnen Gläubigen, apokalyptisch das himmlische Jerusalem der Geheimen Offenbarung. Im Lichte dieser Interpretationstechnik erscheint die Deutung der Schöpfungswoche als Vorbild der Weltgeschichte vielleicht weniger befremdlich.
Die entscheidende Frage lautet nun: wo innerhalb der 6000 Jahre stehen wir? Wir können die Sache symbolisch angehen: wie Adam in der Mitte des 6. Schöpfungstages sündigte, so hat uns auch Christus in der Mitte des 6. Jahrtausends erlöst; die Weltschöpfung erfolgte demnach im Jahre 5500 vor Christi Geburt, der Weltuntergang im Jahre 500 nach Christi Geburt. Diese Rechnung verwendet beispielsweise Otto von Freising in seiner Weltchronik.
Eine zweite Möglichkeit ist das sog. Vaticinium Eliae. Demnach besteht die Weltgeschichte aus drei Teilen: "vor dem Gesetz", "unter dem Gesetz", "unter der Gnade". Jeder der drei Abschnitte ist logischerweise gleich lang; dies bedeutet eine Weltschöpfung im Jahre 4000 vor Christi Geburt und einen Weltuntergang im Jahre 2000 nach Christi Geburt. Der prominensteste Verfechter dieser Theorie war Martin Luther, der darüber eine eigene lateinische Abhandlung verfaßt. Daß Luther dennoch das Weltende schon zu seinen Zeiten erwartet hat, liegt daran, daß es im Evangelium auch heißt, die Drangsal vor dem Ende werde abgekürzt, denn sonst könne niemand gerettet werden.
Zuverlässiger als diese Spekulationen ist aber eine mathematische Vorgehensweise. Die Bibel bietet an mehreren Stellen eine vollständige Generationenliste von Adam bis auf Christus, die sich von Abraham an mit den Herrscherlisten anderer Völker und den griechischen Olympiaden synchronisieren läßt; das haben schon die Kirchenväter mit viel Akribie durchgeführt. Für die Zeit bis Abraham macht die Genesis genaue Zahlenangaben in folgender Form: Enos aber lebte 90 Jahre und zeugte den Cainan; und nach dessen Geburt lebte er noch 815 Jahre und zeugte Söhne und Töchter. Und insgesamt lebte Enos 905 Jahre und starb." Vixit vero Enos nonaginta annis et genuit Cainan; post eius ortum vixit octingentis quindecim annis, et genuit filios et filias. Factique sunt omnes dies Enos nongentorum quinque annorum, et mortuus est. Daraus läßt sich eine Tabelle errechnen, in die wir auch das Datum der Sintflut für 1656 eintragen können. Summa summarum kommen wir auf ein Weltschöpfungsdatum 3951 vor Christi Geburt und demnach ein Weltuntergangsdatum 2049 nach Christi Geburt; für die meisten von Ihnen also ein beruhigendes Zeitpolster.
Leider hat die Berechnung einen Schönheitsfehler: sie gilt nur für die Bibelübersetzung der Hieronymus, die Vulgata. Es gab aber im Mittelalter eine zweite, vor allem vor Hieronymus gebräuchliche Übersetzung, die Vetus Latina. Hieronymus übersetzte die Vulgata direkt aus dem hebräischen Urtext; die Vetus Latina beruht dagegen auf einer Zwischenstufe, der LXX. (Die LXX ist die griechische Übersetzung des Altes Testamentes, die im 1. Jahrhundert vor Christi Geburt für die Juden in Ägypten hergestellt wurde, die kein Hebräisch mehr konnten.) In der LXX (und damit der Vetus Latina) stehen nun andere Zahlen als in der Vulgata. Die Abweichungen sind nicht weltbewegend und scheinen irgendwie auf Schreibfehlern zu beruhen, aber sie summieren sich auf 1366 Jahre. Damit ergibt sich ein Schöpfungsdatum 5198 vor und ein Weltgerichtsdatum 802 nach Christi Geburt. Dazu kommen noch zwei Kuriosa, auf die auch die mittelalterlichen Autoren schon verweisen: die LXX hat eine Generation mehr, einen zusätzlichen Cainan" zwischen Arfaxat und Sale; und: Methusalem hat die Sintflut überlebt!
Welche der beiden Rechnungen ist nun die zutreffende? Wir würden heute ohne weiteres antworten: diejenige, die auf dem hebräischen Urtext beruht. Aber das wäre zu modern gedacht. Auch das Griechische ist eine heilige Sprache die Tafel über dem Kreuz Christi war lateinisch, griechisch und hebräisch beschriftet , und als heilige Sprache hat das Griechische Anspruch darauf, die Wahrheit zu sagen. Es gibt also zwei Wahrheiten; unsere mittelalterlichen Kollegen sprechen geradezu von einer veritas hebraica für die Vulgata und einer veritas graeca für die Septuaginta bzw. Vetus Latina.
Die Serie der Berechnungen ist damit noch nicht erschöpft, und andere Autoren kommen zu noch anderen Daten. Damit ist aber unser Versuch gescheitert, das Weltende zu errechnen; und das ist auch nicht verwunderlich, denn Gott läßt sich eben nicht übers Ohr hauen.
Es gibt aber keinen Grund, deswegen in Melancholie zu verfallen, zumal die Traurigkeit des Herzens" nach mittelalterlicher Auffassung eine Todsünde darstellt. Das Ganze ist nämlich auch ein Spiel, ein intellektuelles, ein geistreiches Spiel, bei dem sympathischerweise Gott selbst in das Schlußgelächter mit einstimmt. Wer diese Berechnungen mit sturem Fanatismus betrieb, hat sich schon damals lächerlich gemacht.
Kommen wir jetzt zu meinen beiden Exkursen. Ich habe eine Kurzfassung dieses Vortrags gewissermaßen eine Beta-Version schon einmal gehalten, und zwar im vergangenen Sommer auf dem 5. Kongreß der Phantasie auf dem Passauer Oberhaus. Auf dieser Veranstaltung sprach auch Heribert Illig, der ja die These vertritt, Karl der Große habe nie gelebt, denn Otto III. habe die Jahre von der Mitte des 7. bis zur Mitte des 10. Jahrhunderts der Geschichte hinzugefälscht, um Kaiser der Jahrtausendwende zu werden. Illigs Theorie geht von einem Mißverständnis der Gregorianischen Kalenderreform aus. Cäsars Kalender wies, wie Sie wissen, einen kleinen Fehler auf, durch den im Laufe von 400 Jahren drei Schalttage zuviel eingefügt wurden. Dies führte dazu, daß die Frühjahrs-Tag-und-Nachtgleiche vom 21. März rückwärts wanderte und im 16. Jahrhundert bereits auf den 11. März fiel, während bei der Osterberechnung immer noch der 21. März zugrunde geleget wurde. Um diesem liturgischen Fehler abzuhelfen, wurden 1582 zehn Tage übersprungen, und es folgte auf den 4. gleich der 15. Oktober. Illig hat nun nachgerechnet und festgestellt: für die 1600 Jahre, die damals seit Cäsars Kalenderreform vergangen waren, hätte man nicht 10, sondern 12 Tage auslassen müssen (je drei Tage für 400 Jahre). Er folgert daraus, daß von Cäsar bis zu Papst Gregor XIII. eben nicht 1600, sondern nur 1300 Jahre vergangen seien, und ging dann auf die Suche, wo man diese 3 Jahrhunderte einsparen könnte. Er wurde fündig in den "dark ages" des frühen Mittelalters, der quellenarmen Zeit des 6., 7. und 8. Jahrhunderts. Er selbst stellt den Vorgang natürlich anders dar: ihm sei das Fehlen von Quellen für diese Zeitspanne aufgefallen, und er habe als Lösung dieses Problems den Fehler in der Jahreszählung gefunden. Illigs Irrtum ist nun ganz einfach folgender: der Bezugspunkt der Kalenderreform von 1582 ist nicht die Zeit Cäsars, sondern die Zeit des Konzils von Nizäa im Jahre 325. Diesem Konzil wurde die Festlegung der Osterfestberechnung und die Definition des 21. März als Frühlingsanfang zugeschrieben; so ist es logisch, daß die liturgisch motivierte Reform von 1582 dessen Regelung wieder herstellen wollte und nicht etwa die Zustände in heidnischer Zeit.
Illigs Theorie geht noch einen Schritt weiter, denn er legt die vermeintliche Lücke so fest, daß Karl der Große und beiläufig auch der heilige Willibald zur Fiktion werden. Die Erfindung Karls motiviert er wie folgt: Otto III. und sein mitfälschender Kumpan Papst Silvester II. hätten die Lebenszeit ihres Meisterstücks, also Karls des Großen, so plaziert, daß dessen Kaiserkrönung den Beginn des 7. Jahrtausends bildete; Illig verwendet dabei die Berechnung gemäß veritas graeca, obwohl er diesen Begriff ebensowenig kennt wie den Autor Beda Venerabilis, und ihm entgeht auch, daß Karl dann erst 802 hätte gekrönt werden dürfen.
Als zweiten Exkurs möchte ich kurz auf die Kalenderrechnung der Maya eingehen an einer Universität, die sich besonders mit der Geschichte Lateinamerikas beschäftigt ist das vielleicht nicht unwillkommen. Die Maya verwenden drei verschiedene Kalender. Die ersten beiden, der Haab und der Tzolkin, sind in ganz Mesoamerika verbreitet und ergeben kombiniert einen Zyklus von 52 europäischen Jahren. Sie sind in unserem Zusammenhang nicht wichtig. Nur bei den Maya finden wir dagegen den dritten Kalender, der englisch als long count, lange Zählung, bezeichnet wird. Diese Zählung funktioniert folgendermaßen: das Jahr besteht aus 18 Monaten zu je 20 Tagen, also 360 Tagen; die Schalttage werden in dieser Rechnung nicht gesetzt, obwohl den Maya das Problem genau bekannt war. 20 Jahre ergeben die nächst höhere Einheit von 7200 Tagen. 20 dieser Maya-Jahrzehnte" ergeben wiederum die nächst höhere Einheit von 144000 Tagen. Nun wird die 20er-Reihe verlassen, denn die nächst höhere und höchste Einheit um faßt nur 13 dieser Maya-Jahrhunderte", mithin 5200 Jahre oder 1.872.000 Tage, deren Ende ein Weltuntergang in einer allgemeinen Katastrophe bildet. Die 5200 Jahre des Maya-Kalenders entsprechen aber 5125 Jahren und 93 3/4 Tagen nach Julianischem oder 5125 Jahren 55 1/4 Tagen nach Gregorianischem Kalender. Wir leben derzeit in der fünften Welt, die nach unserem Kalender im Jahre 3188 vor Christi Geburt begonnen hat. Demnach ist im Jahre 2012 mit dem Weltuntergang zu rechnen ist. Ich könnte mir denken, daß in den Gebieten Mexikos, in denen die Maya-Tradition noch lebendig ist, dieser Termin eine gewisse Bedeutung haben wird, und vielleicht ist die derzeitige Vulkanaktivität in Zentralmexiko ja der erste Vorbote dieser Katastrophe.
Kehren wir zurück ins europäische Mittelalter und gehen wir zum 2. Hauptteil über:
II. Joachim von Fiore
Joachim lebte in der 2. Hälfte des 12. Jahrhunderts und war zuletzt Abt des Klosters S. Giovanni in Fiore in Kalabrien. Er liebte es, sich mit den theologischen Autoritäten seiner Zeit anzulegen, weswegen eine seiner Schriften auf dem 4. Laterankonzil als häretisch verurteilt wurde. Seinem Ansehen tat dies keinen Abbruch, denn er hatte diese Verfolgung in einem Kommentar zum Propheten Jeremias selbst vorausgesagt. (Nur am Rande erwähne ich, daß diese Schrift tatsächlich erst nach seinem Tode entstanden ist.) Joachim stützt sich auf eine stupende Bibelkenntnis er muß eine wandelnde Bibelkonkordanz gewesen sein.
Basis seiner Methode ist zunächst einmal die parallele Betrachtung des Alten und des Neuen Testamentes. Dabei ergeben sich Schritt für Schritt Personenpaare: Adam entspricht Christus, Eva entspricht Maria, David entspricht Kaiser Konstantin, Antiochus Epiphanes Heinrich IV. usw., also die Technik der Bibelinterpretation, die wir vorhin schon kennengelernt haben.
Für uns interessanter ist, daß Joachim den Geschichtsablauf auch generationenweise vergleicht, so wie wir vorhin die Generationen von Adam bis Abraham berechnet haben. Der Vergleich setzt aus Gründen, die ich anschließend gleich erläutere, mit Jakob ein und wird bis zur babylonischen Gefangenschaft durchgeführt. Die Generationen des Neuen Testamentes rechnet Joachim dabei schematisch zu 30 Jahren und nennt jeweils die Päpste und die Kaiser, die in dieser Generation regiert haben. Also:
Diese Berechnung führt er regelmäßig durch bis zur 24. Generation, wobei sich unterwegs interessante Kombinationen ergeben, z.B. in der 12. Generation regieren König David und Kaiser Konstantin; in der 14. Generation wird das jüdische Reich nach dem Tode Salomos geteilt, und das Römische Reich nach dem Tode Theodosius des Großen, in der 22. Generation wird das Nordreich Israel von den Assyrern erobert, und das Heilige Land von den Arabern usw.
Die 25. Generation bildet König Ezechias, ein gottesfürchtiger Monarch, der z.B. auf der achteckigen Reichskrone abgebildet ist. Unter ihm geschieht ein Wunder, denn Gott fügt der Lebenszeit des todkranken Königs eine Spanne hinzu. Zum Zeichen dafür läuft der Schatten auf der Sonnenuhr zehn Linien zurück: et reduxit umbram per lineas in horologio retrorsum decem gradibus. Das deutet Joachim als zehn zusätzliche Generationen, die in der Parallelführung nicht zu berücksichtigen sind. Zehn Generationen zu 30 Jahren sind 300 zusätzliche Jahre, und zwar genau die Zeit von 750 1050, mit so interessanten Gestalten wie Karl dem Großen und Otto III. Anschließend läuft die Parallelisierung wieder weiter, so daß z.B. die Gefangennahme des letzten Königs von Jerusalem der Gefangennahme Papst Paschalis II. durch König Heinrich V. entspricht.
Die Berechnung ist also außerordentlich kompliziert, und es versteht sich fast von selbst, daß sie einer breiteren Öffentlichkeit nur in vergröberter Form zugänglich wurde. Das gilt auch für das Folgende:
In einem weiteren Schritt verbindet Joachim nämlich den zunächst zweisträngigen Geschichtsablauf des Alten und Neuen Testamentes mit der Trinitätstheologie: er ordnet das Alte Testament Gott Vater, das Neue Testament Gott Sohn und, logisch zwingend, ein drittes, zukünftiges Zeitalter dem Heiligen Geist zu. Damit wird die ganze Fülle dreifacher Kombinationen nutzbar: z.B. ist das Zeitalter des Vaters dasjenige der Laien, das des Sohnes dasjenige der Priester (also der Amtskirche), das des Geistes dasjenige der Mönche, in dem dann keine kirchliche Organisation mehr erforderlich ist.
Freilich setzt hier schon massiv die Vergröberung ein, denn Joachim spricht nicht von Zeitaltern, sondern von status, von Zuständen. Die drei status der Vaters, des Sohnes und des Geistes folgen auch nicht einfach aufeinander, sondern überschneiden sich und laufen in mehrdeutiger Weise parallel. Jeder status erstreckt sich über 2 mal 21 Generationen. In der ersten Variante dauert der status des Vaters von Adam bis Amasias, derjenige des Sohnes von Ozias bis zum heiligen Benedikt und derjenige des Heiligen Geistes schließlich von Gregor dem Großen bis in Joachims Gegenwart und darüber hinaus. Man kann aber auch erst mit Jakob einsetzen: dann dauert der status des Vaters bis zu Christi Geburt und derjenige des Sohnes bis zu Joachims Gegenwart, während der status des Heiligen Geistes die Zukunft bildet. In der dritten Möglichkeit markiert der heilige Benedikt die Grenze zwischen dem status des Vaters und des Sohnes, und derjenige des Heiligen Geistes liegt noch weit in der Ferne.
Auch hier läßt sich wieder die Mathematik einsetzen, was Joachims Schema für unsere Frage nach dem Termin des Weltendes interessant macht. Jeder status umfaßt, wie gesagt, 42 Generationen. Das muß so sein, denn nach dem Zeugnis des Matthäusevangeliums führen 42 Generationen von Abraham bis Christus. Die Generation zu 30 Jahren gerechnet, ergibt sich für jeden status eine Dauer von 1260 Jahren. Wählen wir jetzt jene Möglichkeit, bei der das Wirken Christi den Übergang vom ersten zum zweiten status markiert (also die mittlere Variante), dann ist der Anbruch des Zeitalters des Heiligen Geistes für etwa 1260 zu erwarten. Wir können auch das Passionsjahr zugrundelegen; dann kommen wir auf das Jahr 1293. An dieser Stelle werden Joachims Theorien auch politisch interessant, denn justament zu diesem Zeitpunkt wurde völlig überraschend ein Mönch zum Papst gewählt, der nicht dem Kurienestablishment entstammte: der Einsiedler Peter vom Morrone, als Papst Cölestin V.; bekanntlich der einzige Papst, der bislang freiwillig zurückgetreten ist.
Als Weltuntergangstermine am Ende des Zeitalters des Heiligen Geistes errechnen sich alternativ 2100, 2520 oder 2940, mit einer Übergangszeit von jeweils etwa zwei Generationen, so daß ich als Hundertjähriger vielleicht gerade noch einen Zipfel der Apokalypse werde zu fassen bekommen.
Die Schrecken der Apokalypse treten, wie Sie sehen, bei Joachim weitgehend in den Hintergrund, und damit wird unsere Eingangsfrage auch in diesem Abschnitt im Grunde irrelevant. Das ist auch gut so, denn die Geheime Offenbarung ist, was meist übersehen wird, ein ausgesprochen optimistisches Buch, das konsequent zur Überwindung alles Bösen und am Schluß sogar des Todes hinführt. Ihr Schlußkapitel schließlich aber bis dahin dringen die meisten Leser nicht vor bildet eine überwältigende Schilderung des aus der Höhe herabkommenden Himmlischen Jerusalem.