Zusätzliche Informationen zu Gisela, Königin von Ungarn

Ungarn und Bayern im 10. Jahrhundert

Bis ins 10. Jahrhundert ist das Reitervolk der Ungarn wegen seiner Raub- und Beutezüge im ganzen deutschen Reich gefürchtet. Die einzelnen Fürsten vermögen nur wenig zur Verteidigung von Land und Leuten beizutragen. Erst 955 erleiden die Ungarn auf dem Lechfeld die verheerende Niederlage, die das Ende der Beutezüge markiert. Der ungarische Großfürst Géza will aus dem Reitervolk einen europäischen Staat machen. Die Voraussetzung dafür ist die Annahme des christlichen Glaubens. Bis zu dieser Zeit war es v. a. die Ostkirche, die die Ungarn missionieren wollte. Géza jedoch orientiert sich nach Westen. Otto I. schickt als Missionsbischof den Mönch Brun von St. Gallen. Die Leitung der Mission hat Bischof Pilgrim von Passau, der siejedoch bald abbrechen muss. Erst in den 90er Jahren des 10. Jahrhunderts setzt Bischof Adalbert von Prag die Mission fort. Besiegelt wird die Einbindung Ungarns in die westlich-christliche Welt durch die Heirat der bayerischen Herzogstochter Gisela mit Gézas Sohn Vaik = Stephan.

Diese Ehe ist jedoch erst nach dem Tode von Giselas Vater möglich, da Heinrich der Zänker den Ungarn feindselig gegenüber steht. Die Vorzüge der bayerisch-ungarischen Verbindung sind unübersehbar. Außer Vorteilen für den deutschen König und den Papst, sichert sie dem Herzogtum Bayern, das an das ungarische Einzugsgebiet grenzt, ein friedliches Zusammenleben statt einer ständigen Bedrohung. Auch für die ungarische Herrscherfamilie ist die Heirat einer ebenbürtigen Gattin wichtig, um die Herrschaft durchzusetzen. Ungarn war vormals ein Doppelkönigtum mit einem Sakralfürsten und einem Heerkönig. Nach dem Tod des letzten Sakralfürsten fiel die alleinige Macht an die Familie Árpádas, Gézas Urgroßvater. Doch in Ungarn gibt es weder eine Erbmonarchie, wie Géza es anstrebt, noch wird der Herrscher gewählt: der neue Fürst muss seinen Macht jedes Mal erstreiten.

Gisela-Tradition

Die ungarische Gisela-Tradition wurde v. a. vom Bistum Veszprém gepflegt; Gisela hat dem Bistum großzügige Schenkungen vermacht. Bis 1217 wurde dort Giselas Krone aufbewahrt. Giselas Grab wurde noch im Mittelalter zu einer Pilgerstätte. Heute gilt sie in Ungarn als Nationalheilige.

Am 7. Mai 1996 ließ der Passauer Bischof Franz Xaver Eder das Grab der Seligen Gisela öffnen. Auf Bitten des Veszprémer Erzbischofs wurde als Reliquie der rechte Oberarmknochen der Seligen nach Ungarn überführt.

Wertung Giselas

Die zeitgenössische ungarische Geschichtsschreibung zeichnet ein farbloses, eher negatives Bild von Gisela. So lässt man die Geschichte des Landes mit der Krönung Stephans beginnen; die Eheschließung mit Giselas und ihre Taten werden vernachlässigt. Außerdem wird ihr die Blendung Vazuls vorgeworfen, um das strahlende Bild Stephans nicht zu beschmutzen.

Heute versucht man Gisela gerecht zu werden, ihr Werk zu würdigen und lässt sie aus dem Schatten ihres Mannes treten.

Die deutsche mittelalterliche Geschichtsschreibung stellt die Frömmigkeit Giselas heraus. Sie sieht die Bekehrung der Ungarn v. a. als die Tat Giselas und ihres Bruders Heinrich II.

bearbeitet von: Kathrin Scheuer
(16.8.2004)

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