Zunft

Betrachtet man die Wirtschaftsgeschichte der Stadt Passau im Mittelalter, so stellt man fest, dass die Dreiflüssestadt zum einen aufgrund der günstigen topografischen Lage seit jeher Handwerker angezogen hat. Auf der anderen Seite wurde Passau im Jahr 739 Bischofssitz, wodurch Passau in der Summe als Handels- und Residenzstadt ein für Handwerker attraktives Zentrum entstanden war.

Diese Handwerker schlossen sich in Zünften zusammen, wobei in diesen Verbänden jeweils die Meister, ihre Gesellen und ihre Lehrlinge einer bestimmten Branche oder Gruppe von verwandten Handwerks- oder Gewerbezweigen angehörten.
Allgemein werden die ersten Zünfte seit dem 12. Jahrhundert in den Quellen der westdeutschen Städte erwähnt, doch gab es in Passau bereits ab dem 10. Jahrhundert ein bestimmtes Handwerk, nämlich das der Goldarbeiter, die aus dem gehobenen Flussgold Münzen und Schmuck für die bischöfliche Obrigkeit verarbeiteten. Die übrigen Handwerkszweige, die sich der Produkte des täglichen Bedarfs widmeten, fanden in Passau erst im Lauf des 12. Jahrhunderts Erwähnung.
Die Handwerkszünfte verstanden sich als religiöse Bruderschaften, die sich auf der einen Seite karitativ für ihre Mitglieder (und deren Familien) einsetzten, wenn diese in Not gerieten, zum anderen versuchten sie, auf wirtschaftlicher Ebene, ihre Stadt als Absatzmarkt für die eigenen Produkte zu sichern und auswärtige Produzenten, sogenannte "Störer", abzuschotten. Die dritte Aufgabe der Zünfte war die Ausbildung von Lehrlingen. Dieses Ausbildungsrecht wurde von den
Bischöfe in Form von Zunftbriefen bestätigt. Der älteste Zunftbrief war den Lederern durch Otto ausgestellt worden und stammt aus dem Jahr 1258.
Bis Ende des 13. Jahrhunderts folgten noch Zunftbriefe der Bäcker der Altstadt (1259), Lodenmacher (1283) und die Messerer (1299).
Bis heute erinnern einige Passauer Straßennamen an die verschiedenen ansässigen Zünfte, wie die
Lederergasse und die Schmiedgasse in der Innstadt, oder die Messerergasse und Klingergasse in der Altstadt.
In der
Ilzstadt hingegen waren hauptsächlich die Handwerker und Händler ansässig, wie zum Beispiel Bierbrauer und Gastwirte, die sich am dicht befahrenen Handelsweg des Salzes Richtung Böhmen niedergelassen hatten.

Die Zünfte hatten im Innenverhältnis eine strenge Verwaltung, die von gewählten Zunftmeistern kontrolliert wurde. Auf der einen Seite sahen die Zunftordnungen vor, dass in den Städten nur eine bestimmte Anzahl Meister, Gesellen und Lehrlinge den Arbeitsmarkt beherrschten. Ein Geselle, der Meister werden wollte, musste sich einem langwierigen Prüfungsprozess unterziehen, der unter anderem vorsah, dass Prüflinge auf eigene Kosten ein Meisterstück anfertigen und ein teures Zunftmahl ausrichten mussten.
Die Zunftordnung sah außerdem vor, dass alle Handwerker gleich viel verdienten. Leider stand dieser Gleichheitsgrundsatz dem technologischen Innovationsprozess entgegen, da Traditionen und Bräuche in den Zünften eine große Rolle spielten, und in wirtschaftlichen Notzeiten griffen die Zünfte zu derart harten Auswahlverfahren, dass der Aufstieg zum Handwerksmeister meistens nur den Söhnen der ansässigen Meisterfamilien vorbehalten war.
Im Außenverhältnis konnte man die verschiedenen Zünfte an den Zunftzeichen erkennen, die zum Beispiel an Häusern, Trinkgläsern oder Truhen angebracht waren.
Auf der anderen Seite hatte die Zunftordnung trotz ihres regulierenden Charakters auch Vorteile, die aus den Beiträgen der Mitglieder finanziert wurden. Vor allem soziale Ungleichheiten wurden ausgeglichen, wenn zum Beispiel Unfälle oder Krankheit einen Handwerker an der Arbeit hinderten. Auch wurden Handwerkswitwen finanziell unterstützt, so dass die Zünfte auch ein soziales Auffangnetz boten, was von staatlicher Seite (noch) nicht gewährleistet werden konnte.


Zweihandschwert um 1500,
Passauer Wolfsklinge, Inv.-Nr. 731.
Neben dem Lebensmittel- und Bauhandwerk erlangten das metall- und textilverarbeitende Gewerbe in Passau große Bedeutung, so dass ihr guter Ruf sich über die Landesgrenzen hinaus erstreckte. Dies steht bis zum Ende des 13. Jahrhunderts in engem Zusammenhang mit dem florierenden Handel mit Salz, mit dem Passau zu einer wichtigen Wirtschaftsmetropole aufgestiegen war. Gerade bei der Metall- und Textilverarbeitung war Salz ein wichtiger Rohstoff.
Besonders die Passauer Klingen waren weit über Bayern begehrt. War das Wappen der Dreiflüssestadt, der
Passauer Wolf, in das Metall eingearbeitet, so galt dies bis in die Neuzeit als hervorragendes Gütesiegel und Garantie für ausgezeichnete Qualität.

Nach 1300 bestand der sogenannte Zunftzwang, dem sich zukünftige Handwerker unterwerfen mussten. Eigenbrötler hatten keine Möglichkeit, ihren Beruf auszuüben, was den Zünften nicht nur wirtschaftliche, sondern auch politischen Einfluss sicherte. Die gewählten Zunftmeister versuchten nicht selten, auf die städtische Politik und Verwaltung Einfluss zu nehmen, was allerdings nur selten von Dauer und von Erfolg gekrönt war.
Hatte die Zunftorganisation im 13. und 14. Jahrhundert dank ihrer Statuten noch zur wirtschaftlichen Blüte des spätmittelalterlichen Handwerks und Gewerbes beigetragen, so vermochte sie nicht, die handwerkliche Krise des 15. Jahrhunderts abzuwenden. Die starren Zunftstatuten wurden durch das neue Verlagssystem abgelöst, und das produzierende Gewerbe fand eine effizientere Form in Verbindung mit dem Kaufmannsstand.

bearbeitet von: Kyung Hendrich
(11.11.2004)

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